Das theologische Anliegen der Veröffentlichungen von Ernst Lerle (1915-2001)

 

Im Glaubensverfall sah Ernst Lerle (mein Vater) eine Auswirkung der bibelkritischen Theologie, die als tödliche Krankheit einen Kirchenkörper nach dem anderen befallen hat und an keiner konfessionellen Grenze haltmacht. Während im 19. Jahrhundert Männer mit Glaubensengagement als Missionare in alle Welt gingen, wo sie mitunter von Kannibalen verspeist wurden, während andere als Pastoren den Samen des Gotteswortes ausstreuten, hatten schafspelztragende Feinde Christi sich auf den Universitätslehrstühlen für Theologie breitgemacht. Dort definierten sie, was unter Wissenschaft zu verstehen sei, nämlich ein methodischer Atheismus. Die Bibel wurde so ausgelegt, als ob es Gott nicht gäbe. Folglich wurden die Berichte über das Handeln Gottes als Ergebnis von Legendenbildung gedeutet. Weil Legendenbildung Zeit benötigt, deshalb wurde die schriftliche Fixierung in eine möglichst späte Epoche verlegt. Es handelt sich somit um ein großes in sich geschlossenes Lehrsystem des Unglaubens. Der ungläubige Theologe Bultmann war nie Gemeindepastor. Trotzdem wird seine Theologie von vielen Kanzeln gepredigt. Weil die Ungläubigen kein Monopol in der Theologie haben sollen, deshalb schlug mein Vater die akademische Laufbahn ein. Er studierte bei den Gottlosen an der Universität Warschau anstatt an der Ausbildungsstätte der Lutherischen Freikirche in Kleinmachnow bei Berlin. Für seine akademische Laufbahn wählte er das Fach Neues Testament. Denn dort, besonders bei der Auslegung der Evangelien, fallen die Entscheidungen. Denn im Fach Dogmatik wurde noch lange Zeit traditionelle Kirchenlehre vermittelt. Aber die biblischen Berichte über Christus, auf denen die Kirchenlehre beruht, wurde von der Person und der Lehre des historischen Jesus abgetrennt und irgendwelchen Gemeindekollektiven zugeordnet. Die ersten Christen hätten Jesus zum Sohn Gottes emporgejubelt, seinen Tod als Bezahlung für unsere Sünden gedeutet und das leere Grab durch die Auferstehung erklärt. In dem Maße, in dem die Verwurzelung der neutestamentlichen Berichte in den historischen Tatsachen demontiert wurde, hing die traditionelle Kirchenlehre in der Luft, so daß diese von alleine zusammenbricht. Weil die Zerstörung des Glaubens bei der Exegese des Neuen Testaments sich besonders verheerend auswirkt, deshalb strebte mein Vater eine wissenschaftliche Laufbahn im Fach Neues Testament an. Nach dem Zweiten Weltkrieg promovierte er über die Gabe der Geisterunterscheidung (1. Kor. 12,10). Das ist deshalb erwähnenswert, weil in der lutherischen Tradition die einzelnen Lehraussagen in die Kategorien „reine Lehre“ und „Irrlehre“ eingeordnet werden, ohne aber die Notwendigkeit zu erkennen, die Geister zu unterscheiden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Naziprofessoren entfernt. Doch mein Vater war mit der Habilitation nicht rechtzeitig fertig, um in der Umbruchsituation in der DDR eine Professur zu übernehmen. Doch er setzte sich literarisch mit der Glaubenszerstörung auseinander. Es werden Widersprüche in die Bibel hineininterpretiert. Die Folgen sind für denjenigen verheerend, der den Hokuspokus nicht durchschaut. Der Betrogene kann dann die Bibel nicht als göttliche Offenbarung betrachten, sondern in ihr lediglich ein Dokument sehen, in dem irgendwelche Menschen ihren Glauben und ihre Irrtümer bezeugt hätten. Die methodischen Fehler werden nicht dadurch richtig, daß sie bei der „Exegese“ vieler Bibeltexte ständig wiederholt werden. Mit methodischen Fehlern befaßt sich die Veröffentlichung Moderne Theologie unter der Lupe. Ebenfalls wiedergegeben wird der Text von Leben und Lehre Jesu bibeltreu berichtet. Auf den ersten Blick sieht diese Veröffentlichung wie eine biblische Geschichte aus. Doch der theologisch kundige Leser erkennt, wie der Verfasser den Betrug der Universitätstheologen im Blick hat, die überall in die biblischen Berichte Widersprüche hineininterpretieren, z. B. einen vermeintlichen Widerspruch zwischen der Aussage des Johannes, daß Jesus um die sechste Stunde vor Pilatus stand (Joh. 19,14), und der Darstellung des Markus, daß er in der dritten Stunde gekreuzigt wurde (Mark. 15,25). Widersprüche werden in die Berichte über Jesu Auferstehung hineininterpretiert. Diesen an den Universitäten vorgeführten Hokuspokus im Blick wird über Leben und Lehre Jesu in einer in sich geschlossenen Weise berichtet, daß die Vorgänge, wie sie die Bibel berichtet, plausibel erscheinen.

Dann soll auf dieser Internetseite noch Das Weltbild der Bibel wiedergegeben werden. Vielleicht ist die Frage des Weltbildes der Schlüssel, um den Unterschied von lutherischer und reformierter Theologie zu erfassen. Denn traditionell stellten sich die Reformierten den Himmel und die Hölle dreidimensional vor, die hinter irgendeinem Fixsternsystem lägen. Bei seiner Himmelfahrt wäre Jesus mit einer Riesengeschwindigkeit durch das Weltall gesaust, um sich zur Rechten des Vaters zu setzen. Diese räumliche Betrachtungsweise wirkt sich nicht nur, aber auch, beim Abendmahlsverständnis aus. Wenn Jesus räumlich im Himmel sitzt, steht oder umhergeht, dann können wir im Abendmahl nicht Jesu Leib mit unserem Mund essen. Im Weltbild der Bibel wird anhand vieler Bibeltexte der Frage nachgegangen, inwiefern unsere Vorstellungen vom dreidimensionalen Raum und der eindimensionalen Zeit den biblischen Aussagen über das Jenseits angemessen sind.

Diese Internetseite enthält einen Nekrolog und ein vollständiges Verzeichnis der Veröffentlichungen. Sie enthält auch die bereits erwähnten Schriften im pdf-Format. In dem Maße, in dem es gewünscht wird, sollen noch weitere Schriften hinzukommen. Entsprechende Wünsche können dem Verwalter dieser Internetseite unter folgender E-Mail-Adresse mitgeteilt werden:

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Johannes Lerle